Das historische museum frankfurt zeigt Bilder von Abisag Tüllmann
Frankfurt: Die Frankfurter Fotografin Abisag Tüllmann zählt wie Barbara Klemm und Erika Sulzer-Kleinemeier zu den großen Foto-Chronistinnen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Anlässlich ihres 75. Geburtstags zeigt das historische museum frankfurt vom 24. November bis zum 27. März 2011 die erste große posthume Werkschau der Fotografin.
Den Fotos nach zu urteilen muss es ein reiches Leben gewesen sein, das die Frankfurter Fotografin Abisag Tüllmann gelebt hat. Reich an Eindrücken, Erfahrungen, Menschen, Einsichten, Gefühlen, Beobachtungen, Gedanken und Lebensenergie. Ihre ersten Fotos stammen aus Frankfurt, doch schon bald dokumentieren sie Reisen um die ganze Welt: nach Polen, Jugoslawien, Algerien, Israel, Japan, Korea, Rhodesien (Simbabwe), Sambia, Südafrika und in den Libanon. Thematisch beschäftigt sie sich mit dem Auschwitz-Prozess, Freien Schulen, Lehr- und Lernmethoden, Frauenprojekten, Gastarbeitern, Hippies, Jazz, der Studentenbewegung und Obdachlosen. In den Fokus ihrer Kamera nahm sie auch Politiker wie Kohl oder Strauß, Intellektuelle wie Adorno oder Enzensberger, aber auch Musiker wie Frank Zappa.
Ein Archiv mit immensem Ausmaß
Nicht zuletzt an der schieren Anzahl der Fotos ist dieser Reichtum ebenfalls ablesbar. Martha Caspers, Kuratorin und Projektleiterin der Abisag Tüllmann Ausstellung im historischen museum frankfurt, weiß: „Die Ausmaße ihres Archivs sind immens. Allein das bildjournalistisch-künstlerische umfasst rund 260.000 Negative, 50.000 Abzüge, 10.000 Diapositive sowie Publikationsbelege." Und da Tüllmann nicht nur Fotojournalistin und Bildreporterin war, sondern auch Theaterfotografin, kommen dazu noch rund 350.000 Negative, 17.000 Abzüge und 17.000 Diapositive aus ihrem theaterfotografischen Werk. Die Fotos lassen aber auch ahnen, dass da eine Fotografie-Besessene, eine Perfektionistin am Werk war.
Tüll mann arbeitete oftmals bis spät in die Nacht, entwickelte viele ihrer Fotos selbst in der Dunkelkammer und legte Ausschnitte und Belichtungen fest. Oft genug musste sie anschließend rasch zum Bahnhof fahren, um die noch frischen Bilder mit dem Postzug deutschlandweit an die Redaktionen zu schicken. Denn Tüllmann fotografierte nicht nur für Frankfurter Zeitungen wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Frankfurter Rundschau, sondern auch für Spiegel, Zeit oder Magnum. Das Internet, durch das Fotos mit nur einem Klick ans andere Ende der Welt verschickt werden können, gab es zu Tüllmanns Zeit noch nicht.
Politische Zeitgeschichte, Kunst und Theatergeschichte
1957 kam Abisag Tüllmann von Wuppertal nach Frankfurt. „Sie arbeitete in der Oberlindau 51 im Frankfurter Westend", erzählt Caspers, „hier entstand zwischen 1962 bis zu ihrem Tod 1996 ein umfangreicher Bildspeicher, ein Archiv der politischen Zeitgeschichte, der Kunst und Theatergeschichte, ein großes fotografisches Lebenswerk." Bereits 1963 wurde Tüllmann einem breiteren Publikum durch ihr Fotobuch „Großstadt" bekannt, in dem sie urbanes Leben in Frankfurt erkundet. 1994 wurde Abisag Tüllmann das erste Mal wegen Lungenkrebs behandelt, arbeitete aber wann immer möglich weiter. 1996 starb sie im Alter von 61 Jahren.
Frankfurt-Ansichten
450 Schwarz-Weiß Fotos sind in der Ausstellung des Museums zu sehen, die eher thematischen und ästhetischen als chronologischen Prinzipien folgt. In mehreren Räumen finden sich zunächst Tüllmanns Frankfurt-Ansichten. Atmosphärische, wie die von Kindern an der Untermainbrücke, aber auch Fotos, die bundes-republikanische Wirklichkeit aufspießen, wie die einer Familie aus dem Umland, die im Main Taunus-Zentrum Persil-Tonnen erstanden hat, oder Aufnahmen von politischen Aktionen wie einer Frauendemonstration oder den Studentenunruhen. Ob in Deutschland oder anderswo: Immer wieder rückt Tüllmann auch die Unbehausten und soziale Ausgrenzung in den Blickpunkt. In den Blick rückt sie auch die postkolonialen Entwic klungen in Algerien, Simbabwe, Sambia und Südafrika oder auch den Israel-Palästina-Konflikt.
Leidenschaftliche Theater-Fotografin
Die Kuratorinnen nehmen auch den feinen Humor auf, der aus einigen Tüllmann-Fotos spricht: beispielsweise wenn sie Fotos von der Autoreinigung in Ost und West im geteilten Deutschland übereinander hängen. Tüllmann war jedoch nicht nur Fotoreporterin, sondern auch leidenschaftliche Theaterfotografin. Und so zeigt die Ausstellung neben zahlreichen Fotos von Biennalen und der Kassler documenta auch Tüllmanns Theaterfotografien: Aufnahmen von Bühnenwerken von Claus Peymann, Einar Schleef oder Peter Stein, von Therese Giehse in Brechts „Die Mutter" sowie dem großen Bernhard Minetti oder auch ein Foto von William Forsythe aus den Anfängen seiner Frankfurter Zeit.
Astrid Biesemeier
24. November 2010 - 27. März 2011: Abisag Tüllmann (1935-1996)
Bildreportagen und Theaterfotografie. Öffnungszeiten des historischen Museums sind dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 21 Uhr. An folgenden Feiertagen ist die Ausstellung geöffnet: 25. und 26. Dezember, am 31. Dezmeber (Silvester) von 10 bis 16 Uhr und an Neujahr von 14 bis 18 Uhr.
18.11.2010
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