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Wort zum Sonntag vom 06. Juni 2010

Wem tragen Sie etwas nach?
Bad Vilbel:
Vor einigen Tagen las ich einen Artikel über den Werdegang von Michael Ballack. Schon als 13-jähriger war abzusehen, dass er eine große Zukunft vor sich hatte. Es war im Jahr 1990, dem Jahr der deutschen Wiedervereinigung. Ballack spielte damals in der Jugendmannschaft des Chemnitzer FC.

Jens Martin Sautter

Nach einem besonders guten Spiel gab er sein erstes Interview. Und unvorsichtig wie er war, sagte er: „Mein Traum ist, einmal bei Werder Bremen zu spielen." Der Reporter machte einen Artikel daraus und schrieb in einem Kommentar, wie undankbar es doch sei, den Verein zu verlassen, der ihn so gefördert hat. Auch in der Öffentlichkeit reagierte man mit Empörung. Es dauerte eine Weile, bis sich der Teenager wieder auf den Fußball konzentrieren konnte. Michael Ballack hat mit diesem Reporter nie mehr gesprochen.

Als er nach 7 Jahren Chemnitz in Richtung Leverkusen verließ, sprach ihn der Reporter an: „Micha, nun muss aber irgendwann gut sein." Aber Ballack, so schreibt der Artikel, drehte sich nur zu ihm um und sagte: „Gar nix ist gut." Es gibt Kränkungen, die sind auch Jahre später noch da. Sie hinterlassen Spuren in unserem Leben und lassen sich nicht einfach abschütteln. In der Umgangssprache drückt sich aus, dass solche Kränkungen auch Spuren an unserem Körper hinterlassen können.

So sagen wir: „Daran habe ich zu schlucken", „das geht mir an die Nieren", oder: „das bricht mir das Herz". Wir alle können von kleinen und großen Kränkungen ein Lied singen. Wir können nicht verhindern, dass Menschen uns kränken. Wir können aber mit dazu beitragen, dass diese Kränkungen unser Leben nicht zerstören oder unser Handeln negativ beeinflussen. Nur wie? Ich möchte es in einem Bild sagen: Wenn jemand mich kränkt, dann trage ich es ihm nach. Und zwar ganz wörtlich verstanden.

Es ist so, als trage ich ihm einen Sack mit schweren Steinen nach. Ich rufe mir das Unrecht des anderen immer wieder ins Gedächtnis. Ich leide unter bitteren Gefühlen. Kurz: Es kostet mich einige Energie, dem anderen sein Unrecht nachzutragen. Was wir dabei gar nicht merken ist, dass der andere dadurch Macht über unsere Gedanken und Gefühle bekommt.

Wir brauchen nur an ihn zu denken, dann kommt es in uns hoch. Bestimmte Situationen führen dazu, dass wir völlig überreagieren, weil wir an die Kränkung in einer ähnlichen Situation erinnert werden. Wir sind nicht wirklich frei. Und die Ironie ist: Derjenige, der uns gekränkt hat, leidet daran viel weniger als wir selbst. Er sieht vielleicht gar nicht, dass er uns verletzt hat. Oder er hat es längst vergessen.

Wie kann ich davon frei werden? Jesus hat in diesem Zusammenhang immer wieder von der Vergebung gesprochen. Vergeben heißt, dass ich dem anderen, der mich gekränkt hat, es nicht mehr nachtrage. Vergeben heißt: Den anderen loslassen. Ich nenne das Unrecht weiter Unrecht, ich verharmlose nichts. Aber ich akzeptiere das Unrecht als vergangen. Ich ziehe den Giftschlauch der Vergangenheit heraus, der meine Gegenwart beeinträchtigt.

Nun wird mancher sagen: „Leichter gesagt als getan!" Das stimmt. Es ist nicht einfach, gerade dann, wenn mir massive Kränkungen zugefügt wurden. Manchmal dauert es eine Weile, bis ich zu dem Schritt der Vergebung in der Lage bin. Und auch dann kann ich vielleicht nur vergeben, wenn ich daran glaube, dass irgendwann das Unrecht auch deutlich als Unrecht benannt wird. Als Christen vertrauen wir darauf, dass Gott einmal alles ans Licht bringen wird. Wo wir dies an ihn delegieren, werden wir selbst frei, den Menschen ihr Unrecht nicht mehr nachtragen zu müssen.

Meine Frage lautet: Gibt es Menschen, denen Sie eine Kränkung nicht mehr nachtragen wollen?

06.06.2010

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