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Wort zum Sonntag - 20.6.2010

Verantwortung

Bad Vilbel: Ich hätte ihm das T-Shirt mit dem Aufdruck „UNSCHULDIG" gerne geschenkt. Aber dann war ich mir nicht sicher, ob er sich über den Scherz ärgern würde und habe etwas anderes besorgt. Denn tatsächlich wäre das Geschenk ein „Wink mit dem Zaunpfahl" gewesen. Er gehört nämlich zu denen, die schnell deutlich machen: „Ich war's nicht. Ich kann nichts dafür." Manchmal stimmt das ja auch, aber eben nicht immer.

Pfarrerin Ulrike Mey

Mein Bekannter steht mit seiner Einstellung leider nicht alleine da. Mir scheint, dass wir immer häufiger jemanden verantwortlich machen, nur nicht uns selbst. Wenn etwas Schlimmes geschieht, sind die Umstände daran schuld, das Elternhaus, die Gesellschaft, die Politiker oder schlicht der andere. Entstandenen Schaden sollen andere tragen: Versicherungen, der Staat (also: wir alle!) oder irgendwer. So mancher Politiker hat es uns vorgemacht, wie man etwas einfach „aussitzt". Ich finde das einen schlechten Umgang mit Fehlern und meiner Verantwortung. Es nimmt mir auch jede Möglichkeit, selbst etwas zu ändern. Wenn immer andere an etwas schuld sind, kann ich natürlich nichts tun und bleibe immer Opfer der Umstände. Das wäre doch fatal. Margot Käßmann, ehemalige Bischöfin und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschland hat sich vermutlich noch mehr Sympathie erworben, weil sie nach ihrer Alkoholfahrt die Verantwortung übernahm und von all ihren Ämtern zurücktrat. Sie hätte das nicht tun müssen und ist nun ein gutes Beispiel dafür, dass man zu seinen Fehlern stehen und dadurch enorme Handlungsspielräume zurückgewinnen kann. So richtig ich ihre Entscheidung finde, haben mich auch die Reaktionen darauf erstaunt. Ist es mittlerweile so selten, dass jemand öffentlich zu seinen Fehlern steht und dann auch Konsequenzen daraus zieht? Offenbar. Neu ist das Problem allerdings nicht. Die Bibel erzählt ganz am Anfang vom so genannten Sündenfall. Die Menschen dürfen alles essen, nur nicht die Früchte von einem Baum und genau das tun sie. Als Gott Adam zur Rede stellt, verweist der auf Eva: „Die Frau, die du mir zur Seite gestellt hat, gab mir davon." Eva verweist auf die Schlange. Auch hier waren's die anderen. Dabei hätten beide anders entscheiden können und so ist es meistens. Meistens hätten wir auch anders handeln können. Ich muss nicht zurückbrüllen, ich könnte dem andere sein vermeintliches Recht lassen und ich könnte mich entschuldigen.

In der Kirche nennen wir das Versöhnung und für mich bedeutet es vor allem, einen neuen Anfang zu machen. Wenn wir einander vergeben und wenn Gott mir vergibt, dann steht mir wieder etwas Neues offen. Ich kann etwas anders machen und das finde ich befreiend und viel lebensklüger, als alles anderen zuzuschieben oder auszusitzen. Dann muss man nicht alte Fehler immer wiederholen. Wir müssen das nicht.

20.06.2010

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