Nur auf der Durchreise?
Im letzten Jahrhundert besuchte ein Tourist aus Amerika den berühmten polnischen Rabbi Hofetz Chaim. Erstaunt sah er, dass der Rabbi nur in einem einfachen Zimmer voller Bücher wohnte. Das einzige Mobiliar waren ein Tisch und eine Bank. „Rabbi, wo sind Ihre Möbel?" fragte der Tourist. „Wo sind ihre?" fragte der Rabbi zurück. „Meine? Aber ich bin nur zu Besuch hier. Ich bin auf der Durchreise", sagte der Amerikaner. „Genau wie ich", sagte der Rabbi.
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Jens Martin Sautter |
Der Rabbi bringt es auf den Punkt. Dieses Leben auf der Erde ist nicht alles. Wir sollten uns in dieser Welt nicht so einrichten, als gäbe es nur diese 50, 70 oder 90 Jahre. Wir sind nicht geschaffen für diese kurze Zeitspanne, sondern für die Ewigkeit. Das ist unser eigentliches Zuhause. Paulus schreibt im Philipperbrief: „Unser Bürgerrecht ist im Himmel." Wir sind zu Gast auf dieser Erde.
Lebt man anders, wenn man das weiß? Ja, man weiß, dass nur das wichtig ist, was auch für den Himmel von Bedeutung ist. Alles andere ist nur eine vorübergehende Zeit, eine Reise. Und auf dieser Reise geht es nicht darum, viele materielle Güter anzuschaffen, sondern Erfahrungen zu machen. Erfahrungen, die mir den Weg zum Himmel öffnen. Hier in diesem Leben und in dem Leben, das einmal kommen wird.
Als Christen hoffen wir auf ein Leben nach dem Tod. Auf den Himmel. Das ist keine Jenseitsvertröstung. Gott will, dass wir ein erfülltes Leben haben. Aber bei all dem, was wir erleben, wissen wir: Dies hier ist nicht alles. Wir sind noch nicht daheim. Dieser Gedanke beunruhigt viele Menschen. Sie wollen das Ende dieser Durchreise herauszögern. Sie wollen das Leben im Hier und Jetzt verlängern, wenn möglich verewigen. Früher haben sich reiche Menschen einfrieren lassen. Man sollte sie erst dann wieder auftauen, wenn man Medikamente gegen die Sterblichkeit gefunden hätte. Wir drängen die Medizin, unser Leben mehr und mehr zu verlängern.
Und wir haben ja durchaus einen Erfolg: Die Lebenserwartung steigt. Und dennoch: Das sind alles klägliche Versuche. Sie verändern nichts daran, dass wir irgendwann einmal merken, dass die Reise vorbei ist. Unser endgültiges Zuhause ist nicht diese Welt, sondern die Welt, die einmal kommen wird. Wir sollten das Beste aus dieser Durchreise machen, aber gleichzeitig wissen, dass unser Ziel nicht im Hier und Jetzt liegt, sondern weit darüber hinaus.
von Jens Martin Sautter
01.08.2010
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