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„Wir warten nicht, bis die Leute zu uns kommen"

Die Frankfurter Stadtbücherei schreibt seit Jahren eine Erfolgsgeschichte
Frankfurt: 100.000 mehr Ausleihen als 2010, 61.000 mehr Besuche, 13.000 Neuanmeldungen - schon seit Jahren geht der Trend der der Stadtbücherei Frankfurt steil nach oben. Laut der Deutschen Bibliotheksstatistik ist sie einzige deutsche Bibliothek in Städten über 400.000 Einwohner, die zwischen 2005 und 2010 bei aktiven Benutzern, Besuchen und Ausleihen gleichermaßen kräftig zulegen konnte.

Wer den Neubau der Zentralbibliothek in der Frankfurter City unweit der Geschäftsmeile Zeil betritt, richtet den Blick instinktiv nach oben. Drei Stockwerke hoch ist das lichtdurchflutete Atrium. Geometrische Formen zieren die Decke und spiegeln sich in verglasten Geländern wider. In der Mitte des Raumes sind die Bücherregale auf drei Ebenen fast wie sternförmig angeordnet. Am Ende des riesigen Saals erhebt sich als verbindendes Element für alle Stockwerke ein rot-orangener Leseturm. Und links, in die Sitzecke hinter dem Eingang, haben sich Kaffee trinkende Zeitungsleser zurückgezogen. Der Ort lädt zum Verweilen.

Einmaliger Charme eines ehemaligen Straßenbahndepots

In der Stadtteil-Filiale in Sachsenhausen wiederum residiert die Stadtbücherei in einem Prachtbau, einem ehemaligen Straßenbahndepot, das bis 2009 restauriert wurde und sich seitdem zum Stadtteilzentrum entwickelt hat. Stählerne Überspannbögen bilden die Decke und erinnern an ein anderes Frankfurter Industriedenkmal: den Frankfurter Hauptbahnhof. Fast noch mehr beeindruckt das Gebäude von außen. Das Ensemble dreier Gleisröhren in rotem Backstein verleiht dem ganzen Platz einen einmaligen Charme.

Auffrischung des Bestands

Zurück in der Zentrale hat Sabine Homilius, seit 2004 Leiterin der Stadtbücherei, für einen besseren Überblick die Empore im ersten Stock erklommen. 19 öffentliche Bibliotheken, eine Fahrbibliothek mit 30 Haltestellen und 90 Schulbibliotheken werden von hier aus gesteuert. „Unsere Häuser liegen zentral. Sie sind offen, luftig gestaltet und klar strukturiert." Die Leiterin sieht aber noch einen zweiten Grund für den Boom: die Auffrischung des Bestands. Zwischen 10.000 und 15.000 Euro standen den sanierten Bibliotheken zusätzlich zur Verfügung. 2008 wurde dann auch noch der Gesamtmedienetat von 549.000 um 200.000 Euro aufgestockt. „Damit konnten wir natürlich ganz anders arbeiten als vorher."

Den wenigsten öffentlichen Bibliotheken geht es heute finanziell so gut. Einer Umfrage des Deutschen Bibliotheksverbands vom Herbst 2011 zufolge sieht sich die Hälfte von ihnen aktuell mit Etatkürzungen konfrontiert. Besonders große Städte über 100.000 Einwohner trifft das. Das bedeutet: weniger Geld für Neuanschaffungen, Bestandspflege, Personal. Öffnungszeiten würden zusammengestrichen, wichtige Sanierungen und Neubaumaßnahmen zurückgestellt, so der Verband. Nicht so in Frankfurt, wo die letzte Entscheidung über die Schließung einer Stadtteilbibliothek mittlerweile acht Jahre zurückliegt.

Stadtbücherei digital

An diesem Tag herrscht in der Zentrale ein reges Treiben. Besucher nutzen ihre Mittagspause, um sich schnell mit Büchernachschub zu versorgen. Schnell - das geht heute so: Seit der Einführung des Selbstverbuchungssystems RFID im Jahr 2007 nimmt man sich sein Buch einfach aus dem Regal, um es am Ausgang per Barcode des Bibliotheksausweises zu registrieren. Das spart Zeit. Mit der 2009 eingeführten „Onleihe" sind sehr viele Abläufe nicht mehr ortsgebunden. Der Benutzer erhält sogar über sein Mobiltelefon Zugriff auf 14.187 elektronische Medien, von eBooks über eAudio, eMusic, eVideo, oder ePaper von Zeitungen. Auch ein gedrucktes Buch kann man sich am heimischen Rechner vormerken und in die Bibliothek bestellen, wo man es abholen will. Zurückgeben kann man immer: „Heavy User" nennen die Buchbriefkästen scherzhaft auch „Baby-Klappen". Die kennen auch keine Öffnungszeiten.

Stadtteilangebote wurden ausgebaut

Die technischen „Helfer" setzten in den vergangenen Jahren Personal frei, das nun anderweitig eingesetzt werden kann. Die Bibliotheken erweiterten sukzessive ihre Öffnungszeiten. Mehr als früher arbeitet man mit Partnern in den Stadtteilen zusammen. In Frankfurt, wo in manchen Wohnvierteln 50 Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund haben, werden speziell abgestimmte Bibliothekseinführungen angeboten. In anderen Stadtteilen wurden die Internetangebote ausgebaut. Einen demokratischen und niederschwelligen Zugang zu Wissen ermöglichen - das war einst die Gründungsidee der kommunalen Stadtbibliothek.

Zusammenarbeit mit Kindereinrichtungen

Seit jeher haben die Bibliotheken in Frankfurt auch das jüngere Publikum im Blick. Die zentrale Kinder- und Jugendbibliothek gilt bundesweit als führend. Weil aber Kinder heute oft nicht mehr zu Hause betreut werden, ist auch die Zusammenarbeit mit Kitas und Horten intensiviert worden. „Buch auf - Meinung ab!", das mit 17 Jahren älteste Schülerleseförderungsprogramm Deutschlands, hat in diesem Jahr zum ersten Mal ein Blog zu Seite gestellt bekommen. Der Verbund der Schulbibliotheken, eine Frankfurter Erfindung aus dem Jahr 1974, wurde über die Jahre weiter ausgebaut. „Eins können wir nicht machen", erklärt Homilius: „Warten, bis die Leute zu uns kommen."

Mehr Veranstaltungen

An diesem Abend werden in der Zentrale die Lichter wieder erst spät ausgehen. Passend zu einer gerade eröffneten Ausstellung mit Schülerarbeiten beginnt um 19:30 Uhr noch ein Vortrag. Ein Vertreter des Umweltamtes wird Frankfurts Bewerbung zur Grünen Hauptstadt Europas vorstellen. Während sich die Gänge auf den Etagen leeren, beginnen im Atrium die Bestuhlung und der Aufbau der Haustechnik. Zwischen 2007 und 2011 stieg die Zahl von Veranstaltungen von 169 auf 211. „Veranstaltungen gehören nicht zu unserem Kerngeschäft. Aber wir erreichen damit Zielgruppen, die sonst nie zu uns finden würden", erklärt die Leiterin.

Gesellschaftliches Zentrum

Kerngeschäft, Zielgruppen - Begriffe aus der Marketingsprache, die man bisher eher selten im Kontext von Bibliotheken vernahm. Doch das Konzept, die Stadtbücherei zu einem gesellschaftlichen Zentrum zu entwickeln, scheint aufzugehen. Das zeigen nicht nur die Zahlen. Im Frankfurter Stadteil Sossenheim zum Beispiel gaben vorigen Sommer die Bürger bei einer Befragung an, dass ihnen neben dem Vereinsleben vor allem ihre Stadtteilbibliothek wichtig sei.

08.02.2012

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