Sehr geehrter Herr Dr. Stöhr, als einer von „annähernd 38.000 Besucherinnen und Besuchern" der Stadtbücherei Bad Vilbel habe ich in der vergangenen Woche einen Brief auf städtischem Briefpapier von Herr Claus Kunzmann, Leiter des Fachbereiches Kultur der Stadt Bad Vilbel erhalten.
Dieses Schreiben eines anerkannten und verdienten Mitarbeiters der Stadt Bad Vilbel scheint mir sowohl inhaltlich als auch von der Form her so missverständlich, dass ich mir erlaube, darauf zu reagieren. Zunächst ist das Anliegen von Herrn Kunzmann klar und mit seinen Bezügen auf die derzeitige Diskussion um den Bildungsstandort Deutschland mehr als unterstützenswert.
Als Vater von drei schulpflichtigen Kindern kann ich nur bestätigen, dass man angesichts der Schulpolitik in unserem Land und insbesondere in Hessen über jedes Bildungsangebot jenseits der Schule froh sein kann. Dennoch sei auf drei Aspekte hingewiesen, die mir Anlass zur Sorge geben: in einem letzten Satz unterstellt Herr Kunzmann Ihnen, dass Sie, wenn die Bürgerinnen und Bürger beim Bürgerentscheid am 09.05. gegen die Mediathek über der Nidda stimmen, nicht in der Lage seien, nach geeigneten alternativen Standorten zu suchen.
Der Bürgerentscheid lässt den Souverän unserer Gemeinde, die Bürgerinnen und Bürger zu Wort kommen. Dass ein Angestellter dieses Souveräns (und zwar nicht der Oberste) quasi in dessen Namen (auf dem städtischen Briefkopf) gut gemeinte Ratschläge gibt, halte ich für problematisch. Das wäre mit der Empfehlung eines Abteilungsleiters eines großen Unternehmens (auf Briefpapier dieses Unternehmens) an seinen Aufsichtrat vergleichbar, wenn es um eine Entscheidung dieser obersten Instanz geht.
Wenn jetzt im Gegenzug beispielsweise der Leiter einer städtischen Bildungseinrichtung in einem Bad Vilbeler Stadtteil ebenfalls öffentlich und vielleicht mit ebenso guter Begründung für die Schaffung von Stadtteilbibliotheken plädieren würde, wäre die Verwirrung perfekt. Dass Herr Kunzmann sich so kurz vor dem Bürgerentscheid zu Wort meldet, gibt Kritikern des politischen Klimas in unserer Stadt wieder Munition in die Hand, wenn es um Fragen der Verzerrung von demokratischen, parlamentarischen und außerparlamentarischen Entscheidungsfindungsprozessen geht.
Abschließend bitte ich Sie, jenseits der Fragestellungen, die das Schreiben von Herrn Kunzmann bei mir ausgelöst haben, den guten Vorsatz in diesem Schreiben und vor allem seine jahrelange erfolgreiche Arbeit für unsere Stadt bei Ihrer Bewertung an die erste Stelle zu setzen. Sie wundern sich, warum ich Ihnen diesen Brief über die Medien zukommen lasse?
Da ich vermutlich nicht der einzige bin, der dieses Schreiben bekommen hat, kann ich mir vorstellen, dass auch andere Nutzerinnen und Nutzer der Stadtbücherei die eine oder andere unglückliche Formulierung entdeckt haben. Eine öffentliche Diskussion, zumal so kurz vor dem Bürgerentscheid, hilft vielleicht sich jenseits von Emotionen für den von der Sache her richtigen Weg, egal wie er auch aussehen mag, zu entscheiden. Michael Wolf
04.05.2010
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