Bislang war in Echzell ein 5,2 Hektar großes römisches Kastell bekannt − das zweitgrößte am gesamten Weltkulturerbe Obergermanisch-Raetischer Limes. Von 90 n. Chr. bis zur Aufgabe des Limes gegen 260 n. Chr. war es gemeinsamer Standort einer 500 Mann starken Reitereinheit – der einzigen Reitereinheit, die in Hessen am Limes stationiert war – und einer 500 Mann starken Fußtruppe, einer so genannten Kohorte.
Nordöstlich des Kastells befand sich eine ebenfalls bereits ausgegrabene alamannische Siedlung, die auf spätestens 317 n. Chr. datiert wird. Die derzeit ausgegrabene Siedlung liegt südlich des Kastells und datiert nach vorläufigen Erkenntnissen vom Ende des 4. Jh. bis zum Ende des 5. Jh. n. Chr.
Auf dem Rückweg von einer Kabinettssitzung in Ulrichstein (Vogelsbergkreis) nutzte Staatssekretär Prof. Dr. Ralph Alexander Lorz die Gelegenheit, sich gemeinsam mit dem Hessischen Landesarchäologen Prof. Dr. Egon Schallmayer an Ort und Stelle einen Eindruck von den umfangreichen Ausgrabungsarbeiten zu verschaffen − und zeigte sich von der Größe der Ausgrabung und der zügigen Durchführung beeindruckt.
Die Grabung tangiert die Interessen der Gemeinde bei der Erschließung potentieller Bauareale: „Hier zeigt sich überzeugend, dass die professionelle Tätigkeit der Archäologischen Denkmalpflege auf höchstem wissenschaftlichem Niveau erheblich zur Planungssicherheit der Kommunen bei der Erschließung ihrer Baugebiete beiträgt.“
Da die Gemeinde Echzell durch den Limes und den Naturschutz in ihrer Flächenentwicklung eingeschränkt ist, regte er an, gemeinsam mit der Baudenkmalpflege zu prüfen, inwieweit eine bauliche Verdichtung im Ortskern möglich ist. „Das zweitgrößte Kastell ist ein zentraler und wichtiger Ort am Obergermanisch-Raetischen Limes. Es sollte daher unter den Aspekten touristischer Vermarktung verstärkt als wichtiger Faktor zur Weiterentwicklung Echzells betrachtet werden.
Die aktuellen Ausgrabungen deuten ja an, dass es sich hier um eine Lokalität handelt, die für die Rekonstruktion der europäischen Siedlungsgeschichte in spät- bis nachrömischer Zeit bis in die Völkerwanderungszeit von allergrößtem Interesse ist“, sagte Prof. Lorz. Landesarchäologe Prof. Dr. Egon Schallmayer unterstrich die wissenschaftliche Bedeutung der laufenden Grabung:
„Echzell ist derzeit am gesamten Obergermanisch-Raetischen Limes der einzige Ort, an dem sich das Eindringen der Germanen am Ende der Limeszeit in all seinen Facetten erfassen lässt. Hier lassen sich zur bislang offenen Forschungsfrage der Kontinuität von Siedlungsabfolgen seit der Römerzeit entscheidende Erkenntnisse gewinnen.
Die germanischen Ansiedlungen am Rande des Lagerdorfes des Reiterkastells Echzell und damit im unmittelbaren Umfeld einer herausgehobenen militärischen Einheit scheinen das Muster der Spätantike voraus zu nehmen, ganze germanische Stämme gezielt anzusiedeln und ihnen Aufgaben für das Reich zu übertragen.
Die Untersuchungen hier am hessischen Limes geben weitreichende Aufschlüsse über das Verhältnis von Römern und Germanen im Grenzgebiet nach der Aufgabe des Limes, die durchaus in den Kontext der aktuellen Migrationsdiskussion in Europa gestellt werden können. Echzell ist zudem ein weiteres Beispiel dafür, dass in Hessen denkmalpflegerische Notwendigkeiten wie archäologische Ausgrabungen unter wissenschaftlichen Fragestellungen durchgeführt werden.
Auch in Echzell wird unmittelbar nach dem Ende der Grabung deren Aufarbeitung beginnen, so dass die Ergebnisse sowohl der Öffentlichkeit wie auch dem Fachpublikum zeitnah vorgestellt werden.“ Der Kreisarchäologe des Wetteraukreises, Dr. Jörg Lindenthal, verwies auf die hervorragende Zusammenarbeit mit der Gemeinde Echzell und dem Landesamt für Denkmalpflege, die wesentlich dazu beitrage, eine solche Großgrabung erfolgreich durchzuführen.
13.08.2008
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