Wie gesagt: Er bleibt mir ein Rätsel. Ich gestehe: Mit Gott geht es mir auch manchmal so. Ich verstehe ihn nicht. Er bleibt mir rätselhaft: Warum zeigt er sich mir nicht ein bisschen deutlicher? Warum geht es den Menschen, die sich ganz auf ihn verlassen, nicht besser? Warum stoppt er nicht die Bewegungen der tektonischen Platten unter Haiti und bewahrt Hunderttausende vor dem Tod? Manchmal bleibt Gott mir ein Rätsel. Und wissen Sie was? Das ist gut so.
Ich will das erklären: Als Jugendlicher war meine Begeisterung für Gottes Sache groß. Es lief gut, wir wähnten Gott auf unserer Seite. Und dann erkrankte plötzlich der Missionar, den unsere Gemeinde ausgesandt hatte, an Krebs. Er war gerade einmal Mitte Dreißig. Wir beteten wie die Weltmeister und waren sicher, dass Gott für uns ein Wunder tun würde. Aber nichts geschah. Der Missionar starb, und wir blieben befremdet zurück. Wie konnte das sein? Der Gott, den wir kannten, hätte uns doch nicht so im Stich gelassen.
Es tut manchmal weh, und doch habe ich damals etwas Wichtiges gelernt: Gott ist anders. Er entspricht nicht unseren Vorstellungen. Ich bin deshalb misstrauisch geworden, wenn Leute meinen, ganz genau zu wissen, warum Gott wie handelt. Wenn sie sofort Erklärungen haben, warum Gott dieses oder jenes zulässt. Warum dieser Erfolg hat und jener Leid erfährt. Ich bin überzeugt: Gott bleibt uns in mancherlei Hinsicht fremd.
Wie sollte es auch anders sein! Gott ist eine Person. Er ist keine Maschine, deren Funktionieren bei richtig verbundenen Leitungen genau vorhersehbar ist. Und: Wir sind Menschen, die einem unendlich viel größeren Gott gegenüber stehen. Welche Anmaßung, zu glauben, wir könnten Gott wirklich begreifen! Gott sprengt unsere Vorstellungen. Es gibt Menschen, für die das Fremde an Gott Grund genug ist, den Glauben fallen lassen. Durchaus verständlich.
Viele andere Menschen, auch ich, sind Gott begegnet. Sie haben Vertrauen gefasst und wagen es, diesem Gott ihr Leben anzuvertrauen. Dennoch bleibt Gott manchmal fremd. Aber das gehört dazu: Wir reiben uns an dem, was uns fremd ist. Das Fremde lässt uns fragen und suchen. Wo nichts Fremdes mehr ist, hört die Bewegung auf. Da lehnen wir uns zurück und meinen, die Wahrheit in der Tasche zu haben. Das macht uns bequem.
Das gilt übrigens nicht nur für gläubige Menschen. Das gilt auch für Atheisten. Der Zweifel, das Ärgern über das Fremde, die Auseinandersetzung mit dem Fremden hingegen hält uns auf Trab. Ich meine: Unserem Glauben tut es gut, wenn wir uns eingestehen, dass Gott uns manchmal fremd bleibt. Warum ich trotzdem Gott vertraue? Weil ich genug mit ihm erlebt habe, um ihm trotz aller Fremdheiten vertrauen zu können. Weil ich weiß, dass er mein Leben hält, auch dann, wenn ich nicht alles verstehe, was mir widerfährt.
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| Ev. Christuskirchengemeinde |
07.02.2010
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